Tim Trzoska – Berliner Fotoapparat

Tim Trzoska – Berlin. Die noch junge Hauptstadt des vereinten Deutschlands, die bis heute die Spuren der Teilung, Spuren zweier Staaten aufweist. Die Stadt, in der alle Party machen, sich selbst finden, Kinder kriegen, kreativ sein wollen. Die Stadt, in der die Reste des Eisernen Vorhangs auf den Straßen liegen, die Stadt, die wie keine zweite Europas von den Ideologiekämpfen des 20. Jahrhunderts kündet. Die Stadt, die arm ist und doch die Erotik des Erfolgs atmet.


Tim Trzoskas Fotografie ist mit der Stadt Berlin verwoben, ja, sie entspricht dieser Stadt auf kongeniale Weise. Sie schaut hinter die Fassaden des neuen Szenebezirks Prenzlauer Berg und legt die Reste alter Zeiten frei. Sie zeigt berückend luzide Berührungspunkte zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sie rettet die Geschichte vor dem Verschwinden, sie zeigt den Preis des Fortschritts. Trzoskas Bilder sind von einem morbiden Charme, der von Gebäuden, Gemäuern, Plätzen den märchenhaften Schleier des Vergessens nimmt und ihnen damit ihre Würde zurückgibt.


Eine verlassene Ostberliner Wurstfabrik, in der noch Personalakten auf den Schreibtischen liegen und Gummistiefel vor den halbgeöffneten Spinden, die Duschvorhänge im Sanitärbereich halbverbrannt, Staub auf gesprungenen Fenstern. Die Ruinen der Beelitzer Heilstätten, einer früheren Lungenheilanstalt, die verrosteten Lampen in einem verschneiten Operationssaal, ein Bettenrost, auf dem eine Puppe auf Patienten wartet, die nicht mehr kommen. Die Einschusslöcher des Krieges an den Häusern, abblätternde Farbe an den Wänden, ein alter Wachturm, der auf neue Aufgaben wartet oder seinen langsamen Tod. Blicke aus modernden Fabrikhallen und Fluren, in denen das Wasser oder der Staub steht, durch trübe Fenster nach draußen, wie eingeschlossene Zeugen ferner Zeiten, die staunend das Heute begrüßen.


Tim Trzoska glaubt nicht an Unversehrtheit – seine Bilder misstrauen der glatten Oberfläche und zeigen die feinen Risse in Mensch und Welt. Ein Mann und ein Kind auf einem Balkon, der Mann mit freiem Oberkörper, sich die Fingernägel schneidend, neben sich den Haarschopf des Kindes, der Rest verborgen hinterm Gemäuer. Eine beunruhigende Stille liegt über dem Bild, das dem Betrachter die Entscheidung überlässt, ob er Zeuge einer Idylle oder von Gewaltsamkeit wird. Ein verlassenes Kinderfahrrad im Hausflur erzählt von Mittagsschlaf oder von Kidnapping. Ein Mann am Rande eines Biergartentisches blickt, umgeben von Menschen, Getränken und Lichterketten, einsam in die Kamera. Tim Trzoskas Porträts zeigen Menschen in Momenten, in denen sie ganz bei sich sind – und ganz allein. Und doch scheint es, als hätten diese Aufnahmen ihren Kern kenntlich gemacht, ihr Wesen belichtet, klar und unverstellt.


Tim Trzoska rückt Details, das, was gemeinhin übersehen wird, ins Zentrum und erzählt induktiv an ihnen das Vergehen von Zeit, urbane Prozesse, die Siege erringen und dabei Wunden schlagen. In den ruinösen Landschaften der Stadt, die auf den ersten Blick Chaos darstellen, zeigt er Strukturen auf, skelettiert geometrische Muster, die voller Schönheit sind. Seine Bilder sind Kompositionen, ohne dass der fotografierte Moment physisch arrangiert und verabredet wurde. Alte Abflussrohre, umgestürzte Stühle, Kacheln, an denen Farbe abplatzt, verschobene Fußwegplatten gewinnen so graphische Dimensionen. Tim Trzoskas Bilder misstrauen jedem Heilsversprechen der Zivilisation – und zeugen doch von einer tief verborgenen Ordnung, die tröstet.

Angela Obst